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Die Kirche San Lorenzo in Poppi
Es mag einem fast absurd erscheinen, in einer so grosszügig mit Kunstschätzen gesegneten Gegend wie der Toskana, wo beinahe alles, worauf der Blick fällt, dazu beiträgt diese einzigartige Kulturlandschaft mit ihrem perfekten Gleichgewicht zwischen Natur und Architektur zu formen, von geringeren Schätzen zu sprechen
Das Städtchen Poppi ist ein überzeugendes Beispiel architektonischer Harmonie. Poppi, vor allem durch seine Burg der Grafen Guidi bekannt, ist reich an noch heute intakten, historischen Bauwerken, die sowohl vom mittelalterlichen Ursprung des Ortes als auch von der Entwicklung des ganzen Casentino erzählen.
Die Kirche San Lorenzo, in die Mauern Poppis eingebettet, ist dem Anschein nach solch ein geringerer Schatz. Gleichzeitig ist sie jedoch der Schlüssel zum Verständnis des historischen Moments, in dem die ursprüngliche Ansiedlung sich entwickelte. Von einem einfachen Verbindungspunkt zwischen der Kirche Santa Maria in Buiano und der Abtei von Strumi, Hochburgen der Macht, der Religiosität und der Kultur im Casentino des XI. Jhdts., entwickelte sie sich zu einer geschlossenen Ortschaft rings um den ersten befestigten, von den Grafen Guidi gegründeten Kern.
Vom Platz vor der Kirche, deren Bau im Jahr 1017 begonnen wurde, hat man einen der schönsten Blicke von ganz Poppi auf den Lauf des Arno. Diese strategische Lage bestätigt die Bedeutung des Gebäudes in der historischen und architektonischen Entwicklung Poppis.
San Lorenzo, als Kirche der Burg auf Befehl des Guido II. erbaut, bekräftigt diese Aussage durch die aussergewöhnliche Gewähltheit ihrer Formen in einer Epoche, in der die Bauweise heiliger Gebäude eher starren Regeln unterlag. Die Details einiger Dekorationen, die technischen Kunstgriffe und die Sorgfalt, mit der die Steine verarbeitet und plaziert wurden, haben eine architektonische Aussagekraft, die dieser Kirche Einzigartigkeit unter all den anderen sichert, die um das Jahr 1000 im oberen Casentinotal erbaut wurden.
Auf den ersten Blick fällt es schwer, der heutigen Kirche San Lorenzo ein so hohes Alter und eine so grosse historische Bedeutung beizumessen. In der Tat handelt es sich um ein Gebäude von bescheidenen Dimensionen, ausserdem Teil eines Gebäudekomplexes, so dass einzig die Vorderfront sichtbar bleibt, die nicht sehr gross und nur teilweise intakt ist, da sie zu einem Drittel mehr schlecht als recht neu verputzt wurde. Sie fällt einzig durch die Mauer auf, in der weißer Kalkstein sich mit Sandstein abwechselt, und durch das Sandsteinportal, das einfach in seiner Bauweise aber bemerkenswert in der Sorgfalt der Ausführung der formalen Elemente ist.
Sowohl antike Texte als auch zeitgenössische Wissenschaft beschäftigen sich mit dem Portal: in einem Manuskript aus dem 16. Jhdt. beschreibt Bernardo Lapini es eingehend in seiner Darstellung der Geschichte Poppis, während Mario Salvi, Wissenschaftler der romanischen Architektur, das Portal 1928 fotografisch festhält.
Die Beschreibung der Innenausstattung und Struktur aus dem 16. Jhdt. spricht von einem völlig anderen Zustand als dem ursprünglichen; die Fotografie von 1928 zeugt schon vom Verfall der Struktur, doch beide Zeugnisse geben uns ein Bild des noch intakten Eingangsportals, wo bis heute Spuren seiner ursprünglichen Monumentalität und Feinheit der Ausführung sichtbar bleiben.
Der erste Eindruck des Inneren der Kirche vermittelt dem Betrachter sofort das Gefühl starken Verfalls. Die Wände sind von Russ verfärbt, da hier über Jahre hinweg ein Schmied seine Werkstatt hatte. Vom Boden sind nur wenige kleine Stücke der ursprünglichen Pflasterung erhalten, das Dach liegt auf Mauern ohne irgendwelche architektonische Bedeutung; doch trotz alledem ist es möglich, sich anhand der Beschreibung aus dem 16. Jhdt. eine Vorstellung davon zu machen, wie die originale Struktur des Raumes sich dem Auge des Betrachters darbot. In der Tat spricht das Manuskript von einem ...tieferen Bereich für die Frauen und einem höheren, der für die Männer vorgesehen ist. Dies ist noch heute an der Wandbemalung erkennbar, auf welcher der Rand der Stufe zu sehen ist, wodurch man einen Eindruck der ursprünglichen Unterteilung des Raumes bekommt.
So schlicht und bescheiden die Kirche in ihrem Inneren auch ist, kann der aufmerksame Beobachter doch Gegenstände wahrnehmen, die von Prestige sprechen: ein Altar aus dem späten 16. Jhdt. in manieristischem Stil, der in der Regel den Altären sehr viel grösserer und bedeutenderer Kirchen vorbehalten ist, und ein durch wertvolle Materialien und architektonische Struktur herausragendes Grabmal - im XVII. Jhdt. hat hier jemand dem Andenken seiner Lieben dieses kleine Denkmal gewidmet, an dem zwei weinende Putten wachen.
Auf der Wand hinter dem Hauptaltar ist der zugemauerte Bogen sichtbar, der früher in den Bereich der Apsis führte. Sie ist noch heute intakt in ihren Proportionen und zeichnet sich durch dieselbe Liebe zum Detail aus wie das Portal.
Die Analyse einer romanischen Kirche darf sich nicht auf eine Beurteilung des Raumes und das Verständnis seiner Architektur beschränken. Das, was auf den ersten Blick als eine schlichte, strenge und doch aussergewöhnlich harmonische Architektur erscheint, befolgt in der Tat eine Reihe unsichtbarer Regeln, die weit über die der Baukunst hinausgehen und auf mathematischen und symbolischen Überlegungen fußen. Sie drücken im engsten Sinne Religiosität aus, denn die Berechnungszahlen der Proportionen und der Maße beziehen sich auf die heiligen Symbole der christlichen Religion. Die Dimensionen dieser kleinen rechteckigen Halle beruhen auf Maßen, in welchen immer das Vielfache der Zahl drei enthalten ist, Symbol der heiligen Dreieinigkeit. Die Berechnungen, die den Raum in Grundfläche und Höhe festlegen, basieren auf der Wiederholung der Zahlen vier und acht. Die erste bezieht sich auf die Anzahl der Evangelisten, die zweite ist Mariensymbol und Zeichen des kosmischen Gleichgewichts.
Der grosse Architekt Le Corbusier hat die Perfektion, die aus der Zahl entspringt und die in unsere innerste Wahrnehmung dringt, als spirituelle Mechanik definiert, die die reine und einfache Schönheit der Architektur beherrscht und bedingt.
Quelle: Arch. Alessandra Peghinelli
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